Verein “SOZIALHELDEN” und “erikativ*”, die Agentur für soziale Kommunikation ist ein Versuch persönliches Engagement und Geldverdienen zu trennen und gleichzeitig gegenseitig voneinander zu profitieren.

Fakten

Gesprächspartner: Raúl Aguayo-Krauthausen (Xing)
Ort: Berlin
Berufliche Stationen: bis heute Vorstand der SOZIALHELDEN und Gründer der Agentur „erikativ*“ für soziale Kommunikation, parallel Student des Studienganges “Design Thinking” an der School of Design Thinking vom Hasso Plattner Institut
Websiten von Raul:
www.raul.de
www.sozialhelden.de
www.erikativ.de
Bild Raúl Aguayo-KrauthausenRahmenbedingungen: Telefoninterview in drei Etappen; Dauer: 35min + 3min + 5min; Wortanzahl des bearbeiteten Interviewtextes: 2088 Worte

Im Gespräch

Man könnte Dich als “social blogger” bezeichnen. Was bedeutet das für Dich? Für mich sind „social blogger“ Menschen, die anfangen sich mit Themen sozialer Natur auseinander zu setzen. Sie erzählen von ihren täglichen Erfahrungen oder kommentieren auch gesellschaftliche Ereignisse. Ich weiß nicht, ob es mehr werden oder sich einfach nur das Medium geändert hat. Wir vernetzen uns via Internet, bilden Communities auf Facebook oder Twitter (das hilft ungemein) und betreiben gemeinsame blogs wie Alles-was-gerecht-ist. Es ist jetzt so leichter, mit Unterstützern in Kontakt zu treten, die unsere Ideen gut finden und einfach weitertragen. Mehr ist es aber auch nicht. Es wird sicherlich nicht der Mega-Trend.

Kann man vielleicht sagen, dass die Aktivitäten, die Du beschriebst, sich in Berlin für Deutschland konzentrieren? Es gibt auch andere Städte, in denen etwas passiert: München, Hamburg. Ich glaube, dass passiert immer da, wo junge Menschen Zeit haben, sich mit diesen Themen auseinander zu setzen. Gerade Berlin ist eine Hochburg, wo die Menschen viel mit anderen Menschen zusammentreffen. Die Mieten sind gering, sodass man auch weniger arbeiten muss. So bedingt das eine das andere. Nachdem schon größere und kleine Aktionen gelaufen sind, mündet das schnell in regelmäßigeren Treffen wie beispielsweise social bar. Das ist in Berlin richtig gut. Da sind ein Mal im Monat Fachvorträge.

Was sind Deine Lieblings-social-design blogs, Projekte und „entrepreneuers“? Gute Frage – blogs lese ich schon so viele, dass ich keine Lieblinge mehr habe. Bezüglich „entrepreneuers“ bin ich beeindruckt von betterplace. Und natürlich von Muhammad Yunus, aber da stehe ich sicherlich nicht alleine da. Wen ich besonders interessant finde, ist der Günter Faltin, der unterrichtet den Studiengang “entrepreneurship” an der Freien Universität Berlin (Anmerkung: Gründer des Unternhemen Teekampagne). Er beschäftigt sich im Schwerpunkt mit Gründungen – aber nicht nur im sozialen, nachhaltigen Bereich.

Das Bloggen hat in anderen Ländern wie in Amerika eine große Verbreitung gefunden. Laut einem Artikel der Süddeutschen Zeitung sind die blogs in Frankreich oft sehr politisch – im Gegensatz zu Deutschland, wo man sich lieber privat gibt. Was glaubst Du, an was das liegt? Ich glaube, die Deutschen haben immer noch ein Problem sich übers Internet mitzuteilen. Sie mögen es weniger sich nach außen selbst darzustellen. Hinzukommt, dass in Deutschland die Medien relative stark sind, die für eine gewisse Seriosität stehen. Gegen sie als Blogger anzustinken, ist eher schwierig. In Ländern mit vielleicht schwächeren Medien stellen Blogger eine Konkurrenz dar.

Ähnliche Zurückhaltung kann man in Deutschland auch zum Thema Corporate Social Responsibility (CSR) erkennen. In Deutschland ist das immer etwas mit einem negativen Touch behaftet. Die Deutschen denken schnell, dass sich da jemand gerne „frei waschen“ möchte, weil er vielleicht Dreck am Stecken hat. In den USA war es schon immer so, dass der Staat relative wenig soziale Aufgaben übernommen hat. Die Deutschen aber meinen, dass das auf jeden Fall die Aufgabe des Staates ist und nicht von privaten Firmen übernommen werden sollte. Das beste Beispiel sind die Ronald-McDonald-Häuser, die von der Arbeit her sicherlich gut sind. Aber wo man sich fragt, was hat McDonald mit Krankenhäusern für krebskranke Kinder zu tun?

Naheliegender wäre ein Engagement im Bereich “Ernährung”? Genau, einmal das. Selbst wenn dies berücksichtigt werden würde, glaube ich, dass die Deutschen weiter sehr kritisch dazu eingestellt wären. Beispielsweise die Volkswagen Stiftung, die sich zwar im Sinne von CSR engagiert, aber dies sehr verdeckt tun – ohne es werblich zu nutzen wie es McDonald tut. Soweit ich weiß, fördert die Stiftung geistig Behinderte, das macht ja für eine Automarke gar nichts her. Das ist in meinen Augen glaubwürdiger, als McDonald, die lachende Kinderaugen zeigen und permanent mit dem schlechten Gewissen spielen.

Sind das auch Themen, mit denen Ihr Euch in Deiner “Agentur für soziale Kommunikation” auseinander setzt? Oder steht Ihr, so wie auf der Internetseite kommuniziert, hauptsächlich gemeinnützigen Organisationen bei ihren kommunikativen Aufgaben bei? Logo der Agentur erikativWir sind fokussiert auf das Arbeiten mit Non-Profit Organisationen, im Bereich von Corporate Design und on- und offline Kommunikation. Wenn Unternehmen zu uns kommen würden, die sich engagieren wollen, würden wir das auch machen. Wobei wir ganz großen Wert darauf legen, dass es authentisch ist. Das machen wir an so Fragen fest, wie: „Warum will sich das Unternehmen engagieren?“ Das sollte auch so transparent, wie möglich kommuniziert werden. Also vielleicht hat der Gründer einen persönlichen Bezug dazu oder vielleicht basiert das Kerngeschäft in seiner Bestimmung darauf. Es sollte auf keinen Fall etwas aufgesetztes sein.

Für welche Kunden arbeitet Ihr? Wir haben den alternativen Nobelpreis, das ist der zweit-größte Friedenspreis nach dem Nobelpreis. Und vor allem für die Berliner Tafel.
Wir haben dann noch einen Verein, der nennt sich “SOZIALHELDEN”. Ich bin in beiden Fällen der Gründer, deshalb kommt es auch vor, dass sich Überscheidungen mit der Agentur ergeben. Dennoch versuchen wir zu unterscheiden zwischen der Auftragsarbeit für die Agentur und der Umsetzung eigener Ideen für den Verein. Beispielsweise mit der Aktion “Pfandastisch helfen!”.

Ist die Aktion erfolgreich? Das ist sehr, sehr erfolgreich. Die Aktion nimmt jährlich über 100.000 EUR ein. Die Spenden kommen unterschiedlichen Organisationen zu Gute z.B. Pro Familia oder der „Berliner Tafel“. Wir sind gerade dabei das deutschlandweit aufzusetzen. Gegenwärtig sind wir damit präsent in: Berlin, Schleswig-Holstein, Baden Württemberg und Niedersachsen. Wir haben auch für diese Aktion den Wettbewerb start social gewonnen.

Was hältst Du von solchen Wettbewerben? Ich glaube, es ist gut, weil es Aufmerksamkeit erzeugt. Und das ist für einen so unbekannten Verein, wie wir einer waren, sehr wichtig. Auf der anderen Seite hat man relativ viel Arbeit mit denen. Man muss ständig irgendwelche Berichte schreiben oder an Coachings teilnehmen. Also das Preisgeld, was man gewinnt, geht ganz schnell mit der Arbeitszeit drauf, die man dann hineinstecken muss. Allerdings haben wir dadurch auch super viel gelernt.
Die Debatte, die wir eher gerade führen, thematisiert, ob wir uns mit einer Politik, wie sie gerade geführt wird überhaupt auszeichnen lassen wollen (Anmerkung: Frau Merkel ist Schirmherrin.). Das ist immer auch ein moralisches Problem. Ein Verein, der offensichtlich Missstände aufdeckt, wird vom Staat ausgezeichnet; anstatt der Staat selber, was tut.

Was beinhaltet der Preis neben dem Preisgeld? Je nachdem wie weit man kommt. Es gab 3600 Bewerber, davon wurden 100 ausgewählt, die bekamen 3 Monate Coaching. Dann wurden wieder 10 ausgewählt, wovon 5, glaube ich, Preisgelder bekommen haben u. a. wir.

Du hast gesagt, Ihr hättet viel gelernt. Was war das? Das war ganz konkret, nämlich welche Körperschaft wir brauchen. Das wir ein gemeinnütziger Verein werden sollten und wie man die ganzen Verträge aufsetzt – beides haben wir mit unserem Rechtsberater erarbeitet. Dann haben wir noch Unterstützung bekommen, wie man am besten seine Ideen präsentiert, aber das konnten wir ja schon vorher.

Ich hatte in meinen Mails an Dich vorab, meine Geschäftsidee für einen online Shop beschrieben, mit Produkten – entwickelt von Designern und hergestellt von “Benachteiligten”. Was hältst Du von dieser Geschäftsidee? Ich bin ja selber behindert. Was bei solchen Ideen ganz heikel ist, sind so Sachen wie die Entlohnung von Behinderten. Da gibt es viele Diskussionen. Blogs gibt es dazu keine, soweit ich weiß. Ich kenne aber in Berlin Leute, die sich gerade versuchen eine Meinung dazu zu bilden. Die Menschen arbeiten in diesen Werkstätten für so wenig Geld, dass es fast schon wieder Sklaverei ist. Ich kann nicht für alle Behinderten sprechen. Mir wäre wichtig, dass die genauso viel verdienen, wie ein Nicht-Behinderter verdienen würde.

Würdest Du kommunizieren, dass die Produkte von Behinderten produziert werden? Man kann kommunizieren, dass es von Behinderten hergestellt wurde, würde es aber nicht an die große Glocke hängen. Dann würde man Käufer ansprechen, die aus Mitleid kaufen und darum soll es ja nicht gehen.

Was beinhaltet für Dich gutes “social design”? Für mich bedeutet das, Produkte, die für alle Generationen und Größen funktionieren. Und die vielleicht auch von allen produziert wurden. Das ist wahrscheinlich das schwierigste. Ein klassisches Beispiel, zumindest bei den Berliner Verkehrsbetrieben, sind die kleinen Sitze in den Bussen. Darauf können sich sowohl kleine Kinder als auch Kleinwüchsige setzen. Gut daran ist, dass der Kleinwüchsige nicht das Gefühl hat, dass der Sitz nur für ihn ist, sondern für alle. Gutes „social design“ ist eben nicht ausgrenzend.

Du studierst gegenwärtig an dem Hasso Plattner Institut den Studiengang „Design thinking“. Inwieweit ist „social design“ und Nachhaltigkeit dort Thema? Da geht es vor allem um Usability: „Wie kann man Produkte und Dienstleistungen entwickeln, die den Menschen wirklich helfen?“ Es wird versucht, immer wieder einen sozialen Aspekt hineinzubekommen. Aber nicht ausschließlich. Es kann auch Mal ein Zigaretten-Automat behandelt werden. Um nochmals auf den Begriff “social design” zurückzukommen. Ich habe ein Problem mit dem Begriff “Design”. Viele assoziieren damit Produktdesign und das ist es ja nicht ausschließlich. Es können ja auch Dienstleistungen sein. Der Begriff “Usability” würde vielleicht besser passen, wobei dieser dann schnell mit der Bedienerfreundlichkeit von Internetseiten in Verbindung gebracht wird. Es geht um Gestaltung von Benutzern für Benutzer. Die Einschränkung auf Designer ist auch für meine Uni problematisch, alle denken an Produktdesigner, dabei wirken auch Philosophen, Psychologen oder Ernährungswissenschaftler mit. Man muss es weiter sehen. Es geht darum, Dinge zu vereinfachen und so schneller zu machen – in der Handhabbarkeit, Verständlichkeit und Komplexität von Abläufen. Beispielsweise ein Formular für Harz IV Empfänger. Das sind 16 Seiten, die man ausfüllen muss und die keiner versteht. Es ist viel Arbeit für den, der es ausfüllen muss; aber auch für den Bearbeiter im Amt. In dem Fall würde es viel um einfachere Sprache, ohne Fachausdrücke, gehen.

Du hast in Deiner Definition “social design” auch die Schlagworte “von Benutzern für Benutzer” verwendet, was auch verwendet wird, um das Phänomen Web 2.0 und social media zu charakterisieren. „Social design“ und Web 2.0 sind nicht unbedingt gleich zu setzen. Web.2 ist derzeit noch ein Thema, was nur für einen bestimmten Kreis zugänglich ist. Senioren haben beispielsweise mit Web.2 noch gar nichts am Hut.

Bei meinen Recherchen bin ich auf die Seite incspring gestoßen, die nicht verwendete Entwürfe von Designern zum Erwerb anbieten, die zum Beispiel als Alternativen für einen Kunden entwickelt wurden. So wird eine Dienstleistung wie Design relativ schnell billig und möglicherweise wird auch die Bedeutung von Nutzungsrechte geringer. Wie siehst Du das? Ich denke, es macht wenig Sinn an einer Idee festzuhalten, solange bis man damit Geld verdient hat. Ich halte mehr von dem Ansatz, dass man jederzeit Ideen produzieren können muss, wenn man sie braucht – das ist mein Kapital.
Wenn ein Designer seine Ideen frei gibt, muss er damit rechnen, dass dies andere auch tun bzw. ihn kopieren. Das ist aber eine Entwicklung, die man nicht aufhalten kann. Deshalb sollte man sich eher dabei entspannen. Was nicht heißt, dass alles gratis sein darf.

In einem anderen Interview wurde ich auf die Initiative joinred aufmerksam gemacht. Meinst Du, dass sich die Idee – Markenhersteller entwickeln Kollektionen für einen guten Zweck – mit meinem Geschäftsmodel vereinbaren ließe? Ich glaube, du wirst Dir damit in Deutschland schwer tun. Die Deutschen spenden lieber, die finden das mysteriös, Geld für ein Produkt auszugeben, um damit Gutes zu tun. Wenn man es richtig cool aufzieht, das Engagement der Firmen ehrlich ist und sich nicht irgendjemand grün waschen will, dann kann das womöglich funktionieren. Mir fällt da gerade nur das Unternehmen Bionade ein. Im Grund sagt schon die Auswahl der Unternehmen, die Du in die Initiative aufnehmen würdest, viel über die Glaubwürdigkeit Deiner Initiative aus. Gleichzeitig müssen die Unternehmen aber auch eine gewisse Bekanntheit haben, damit es funktioniert.

„Joinred“ basiert auf dem Prinzip des Fundraising, zielgerichtet auf den Spendenzweck “Adis in Afrika”. Ein Spendenzweck emotionalisiert auch immer, wobei manche geeigneter sind Menschen zu mobilisieren, als andere. Diese Eignung sagt allerdings erstmals nichts über die Bedürftigkeit aus. Wäre es als Initiator also nicht glaubwürdiger, sich von diesen Emotionen zu lösen und dem Käufer die Auswahl eines Spendenzwecks zu überlassen? Ich glaube, es sollte spendenzweckorientiert sein. Es muß dem Käufer ganz klar kommuniziert sein: „Wenn Du das kauft, wird für diesen Zweck gespendet.“ Die Idee durch Klicks den Spendenzweck zu bestimmen gibt es schon, beispielsweise auf one-click-charity-donation Seiten.

Danke für das Gespräch!

Externe Links (in der Reihenfolge, des Erscheinens)
Hasso Plattner Institut – Raul studiert hier den Studiengang “Design Thinking”
social bar – ein offline Treffen von Weltverbesserern, die sich auch online austauschen
betterplace – Plattform, auf der Menschen, die Unterstützung brauchen, auf solche treffen, die helfen wollen
Eintrag in Wikepedia – Stichwort: Muhammad Yunus
Eintrag in Wikepedia – Stichwort: Günter Faltin
Studiengang “entrepreneurship” – Universität Berlin, geleitet von Professor Faltin
Teekampagne – Professor Faltin ist Gründer; Versand von Tee in Großpackungen
Artikel der Süddeutschen Zeitung – “Blog-Nation Frankreich: Der Wähler wird gebloggt”, 28.07.2006
Corporate Social Responsibility in Deutschland – eine Studie der Bundesregierung
Eintrag in Wikepedia – Stichwort: Ronald-McDonald-Häuser
Volkswagen Stiftung – von Raul genanntes Beispiel für nicht werblich genutztes Firmen-Engagement
Berliner Tafel – Kunde von “erikative” der Agentur für soziale Verantwortung; und Verein, dem die Spendeneinnahmen der Aktion “Pfandastisch helfen!” zu Gute kommen
start social – Wettbewerb für soziale und nachhaltige Geschäftsideen u.a. in Form von Beratungsstipendien; Schirmherrin Angela Merkel; u.a. ist die Initiative “Pfandastisch helfen!” damit ausgezeichnet worden
Pro Familia – Gemeinnützige Organisation, der die Spendeneinnahmen der Aktion “Pfandastisch helfen!” zu Gute kommen
Eintrag in Wikepedia – Stichwort: Web 2.0
Eintrag in Wikepedia – Stichwort: social media
incspring – Plattform, auf der Designer nicht verwendete Entwurfsarbeit zum Verkauf anbieten können
joinred – Initiative, die Unternehmen aufruft Kollektionen für “Aids in Afrika” zu entwerfen; Teil des Erlöses wird dieser Organisation gespendet
Bionade – von Raul genanntes Beispiel für glaubwürdiges Engagement
Eintrag in Wikepedia – Stichwort: one click charity donation


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