Judith Seng erzählt von der Kooperation zwischen der Universität der Künste (UdK) in Berlin und der Behinderten Werkstätte “Imaginären Manufaktur” aus der Perspektive einer Studentin sowie über das Projekt “Design Reaktor Berlin” als Projektleiterin.

Fakten

Gesprächspartner: Judith Seng
Ort: Berlin
Berufliche Stationen: seit 2003 selbstständige Produktdesignerin und von Oktober 2008 bis Juli 2009 Vertretungsprofessorin für Prozesse & Methoden des Entwerfens an der Kunsthochschule Kassel im Studiengang Produktdesign, ehemals Studium Produkt- und Prozessgestaltung an der UdK Berlin
Website der Designerin: www.judithseng.de
Rahmenbedingungen: Telefoninterview; Dauer: 45min; Wortanzahl des bearbeiteten Interviewtextes: 1974 Worte

Im Gespräch

Sie haben als Designstudentin an der Kooperation zwischen der Universität der Künste, Berlin und der Imaginären Manufaktur (DIM) mitgewirkt. Ist das für Sie „social design“? Ich würde den Begriff wesentlich offener begreifen. Er bezeichnet eine noch recht junge und schwammige Bewegung im Design, die sich neue Tätigkeitsfelder sucht und diese erweitert. Die Fähigkeiten der Designer, ihre Art des „Design Thinkings“ (siehe Interview von Raul, der dies studiert), sind auf viele Bereiche anzuwenden bzw. werden in Bereichen relevant, die nicht unbedingt mit der Herstellung von Gütern zu tun haben. Der Definition folgend würde auch mein aktuelleres Projekt Design Reaktor in die Kategorisierung „social design“ passen.

Es können systemische Entwürfe sein, die gesellschaftliche oder soziale Zusammenhänge neu gestalten. An der Kunsthochschule in Kassel gibt es den Studiengang Systemdesign. Die Studenten bearbeiten beispielsweise Probleme wie den Mangel an AIP-Studenten (Anmerkung: Arzt im Praktikum) auf dem Land und entwickeln Ansätze, die ein AIP auf dem Land für Studenten attraktiver machen könnten. Meistens geht es darum, komplexere Systeme zu gestalten. Auf das Produktdesign übertragen versucht man, das Produkt in seinem Zusammenhang wie Herstellungs- bzw. Nutzungskontext — also einem sozialen Kontext. zu sehen und zu entwerfen. Da existiert natürlich eine Brücke zu dem etwas spezifischen Feld der sozialen Produktion, das Sie u.a. behandeln, d.h. mit Produkten, die in sozialen Einrichtungen hergestellt werden.

Sie hatten das Projekt “Design Reaktor” erwähnt. Würden Sie mir dieses näher vorstellen? Das Projekt ist über zwei Jahre gelaufen. Unterstützt wurde es vom Berliner Senat für Wirtschaft, Technologie und Frauen mit europäischen Mitteln zur Standortförderung. Konkret ging es darum, kleine und mittelständische Unternehmen in Berlin mit der wachsenden kreativen Szene zusammen zu bringen. Da im Grunde keine Industrie in der Stadt ansässig ist und eher kleine Aufträge vergeben werden, stellt sich die ökonomische Situation als nicht gerade gut situiert dar. Bei Unternehmen, die auf neue Technologien spezialisiert sind sieht es anders aus.

Welche Art der Unternehmen — abgesehen von dem von Ihnen bereits genannte Kriterium der Größe — sollte angesprochen werden? Es ging nicht unbedingt um Manufakturen, vielmehr um die Betriebe, die ganz schnöde Produktion betreiben. Sie sollten mit den Designern einen gemeinsamen Prozess durchlaufen, um durch Experimentieren und Ausprobieren – das war die Hoffnung – für sich eine zukunftsorientierte Perspektive zu entwickeln. Beispielsweise sollten sie durchspielen, wie sie ihre Sparten ausbauen können. Die Kreativen waren Studenten der UdK aus verschiedenen Fachrichtungen wie Produkt- und Graphikdesign, Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation oder auch Videospezialisten. So wurde das ganze Projekt auf Basis sehr verschiedener Blickwinkel entwickelt. Wir haben bewusst eine sehr breite Auswahl an Unternehmen getroffen: von der Mozarella Käserei bis hin zur Echthaar Manufaktur. Es wurde eine ganz irre Mischung. Das war die Ausgangslage, auf der wir konkrete Produktideen entwickelt und gemeinsam mit den Unternehmen hergestellt haben. Schon auf Grund der Teilnehmerzahl sind sehr unterschiedliche Prozesse und Formen der Zusammenarbeit entstanden.

Hatte das Projekt die Zielsetzung, die Produktideen auch umzusetzen und letztendlich zu produzieren? Die Ziele waren sehr unterschiedlich. Viele der beteiligten Unternehmen sind technisch und personell gar nicht darauf ausgerichtet, in großen Serien zu produzieren Daher sind sie oft nicht konkurrenzfähig, auch nicht innerhalb Deutschlands. Hier hat sich die Perspektive der Mitentwickler aufgetan. Ein Student beispielsweise hat zusammen mit dem Unternehmen „Metalldrückerei“ eine Lampe entwickelt, die das Unternehmen Anta Leuchten

ins Programm genommen hat. Die Metalldrückerei hat die Prototypen bis zur Serienreife mitentwickelt. Als es dann aber um ein Angebot für die Serienproduktion ging, konnte die Drückerei leider nicht den Auftrag gewinnen, auch da sie nicht entsprechend aufgestellt sind. Dieses Projekt hat der Druckerei aber entsprechende Kontakte verschafft und Wege der Zusammenarbeit aufgezeigt. Es ging also darum, Impulse zu setzen, sich gegenseitig kennenzulernen und Erfahrungen zu sammeln.

Welche Aufgabe hatten Sie? Das Projekt wurde von Axel Kufus, Professor an der UdK, initiiert. Er hat uns als externe Projektleiter gleich zu Anfang mit hineingenommen: Mich im Bereich der Prozess- und Designentwicklung. Joachim Schirrmacher kümmerte sich um Designmanagement wie Vertrieb und Marketing und Marc Piesbergen beschäftigte sich mit der aufwändigen Abrechnung und Abwicklung eines von der EU geförderten Projekts.

Haben Sie und Ihre Studenten vor Ort in den Unternehmen gewirkt? Nein, das Projekt war in der Universität angesiedelt. Anders war es angesichts der Anzahl der Kooperationspartner gar nicht möglich. Das war auch ein wesentlicher Unterschied zum DIM Projekt, wo das Vor-Ort-Arbeiten eine große Qualität hatte – mit dem sozialen Vorteil, sich mit den Leuten eng abstimmen zu können, andererseits aber auch die technischen Möglichkeiten auf ein Unternehmen beschränken zu müssen. Beim Reaktor Projekt ging es darum, viele Akteure wie Unternehmen untereinander und Designer zu vernetzen. Dabei sind beispielsweise mehrere Produkte entstanden, an deren Realisierung auch zwei Unternehmen beteiligt waren.

Sie waren für den Designprozess zuständig. Wie war dieser gestaltet? Eine kleine Gruppe Studenten hat recherchiert, welche Unternehmen in Berlin ansässig sind. Wir haben über 300 Betriebe gefunden, die wir weiter gefiltert haben, bis wir letztlich bei ca. 70 gelandet sind. Natürlich mussten wir auch Kriterien berücksichtigen wie: “Wer ist überhaupt kooperationsbereit?“; „Funktioniert es zwischenmenschlich?“; „Welche Möglichkeiten haben diese Unternehmen?” Die Studenten haben dann die Unternehmen persönlich besucht und eingeladen, an diesem Prozess teilzunehmen. Es waren insgesamt 81 Studierende und 52 Unternehmen daran beteiligt. Es war wirklich erstaunlich, dass so viele Interesse gezeigt haben.
Begonnen haben wir im Sommersemester mit einem Workshop-Cluster für die Studenten. In Vorbereitung darauf musste jeder Student zwei Unternehmen besuchen, um vor Ort die Ressourcen und sonstige Rahmenbedingungen in Erfahrung zu bringen und das Unternehmen auf dieser Grundlage vorzustellen. Über zwei intensive Wochen hinweg fanden Workshops statt: Drei Workshops erfolgten hintereinander und zwischen vier und sechs parallel. Ziel der Workshops war es, Ideen zu entwickeln. Teilweise haben wir dafür externe Workshopleiter eingeladen, die neue Sichtweisen auf den optimalen Einsatz der Ressourcen eingebracht haben. Nach den 14 Tagen waren ca. 400 Ideenskizzen entstanden, die im Laufe des Prozesses immer wieder präsentiert wurden. Es wurde bewusst je nach Bedarf untereinander getauscht und kopiert. In diesen Fällen musste protokolliert werden, auf welchen Ideen man aufbaut. Die Studenten haben dann aus dieser Fülle der Ideen ihre Favoriten ausgewählt. Diese wurden in sogenannten Machbarkeitsstudien zusammen mit den jeweiligen Unternehmen weiter ausgearbeitet, sodass wir die Produktionskosten und technische Realisierbarkeit einschätzen konnten. In eine Jury wurden 110 Machbarkeitsstudien eingereicht. Die Jury bestand aus uns, den Projektleitern, einem Patentanwalt, Vertretern aus dem Einzelhandel, Kommunikationsdesignern und Kommunikations-Strategen. Wir haben also eine Gruppe von Personen unterschiedlicher Perspektiven zusammengebracht, die die eingereichten Ideen auf ihr Erfolgspotential bewertet haben. Letztlich hat die Jury etwa die Hälfte der Entwürfe ausgewählt und Empfehlungen für die Weiterentwicklung ausgesprochen. Jedem dieser ausgewählten Entwürfe wurde ein angemessenes Budget für die Herstellung zugesprochen.

Sie haben viel von der studentischen Arbeit erzählt. Wie weit wurden die Unternehmen eingebunden? Haben sie davon profitiert? Wir haben die Unternehmen immer wieder eingeladen, an dem Prozess in Form von regelmäßigen Zwischenpräsentationen und Gesprächsrunden teilzunehmen. Ich glaube, für die Unternehmen war es auch wirklich interessant, einmal in einer Kunsthochschule zu sein. Damit haben wir eventuell auch Berührungsängste abgebaut. Folge davon waren viele Designanfragen. Es hat also erste Impulse verursacht “Design” Betrieben zugänglicher zu machen und eine genauere Vorstellung zu vermitteln: “Wer macht das überhaupt? Wie funktioniert es? Was kann Design denn?” Letztlich hat das Projekt in der Presse viel Aufmerksamkeit erregt und dadurch einigen Unternehmen die Möglichkeit gegeben, sich gut darzustellen und bekannt zu machen.

Wenn wir jetzt vielleicht die Perspektive wechseln könnten. Wie haben Sie das DIM Projekt damals als Studentin erlebt?

Wie ich schon erwähnt habe, haben wir dort in einem für uns bestimmten Raum gearbeitet. Wir kamen mit nichts an, haben den Blinden in den Werkstätten über die Schulter geschaut und die Produktpalette analysiert. Langsam sind lauter kleine Ideen entstanden, die immer auch gleich umgesetzt wurden. Wir konnten in die Werkstätten gehen und sagen: “Könntest Du das Material bitte einziehen? Ich möchte sehen, ob das funktioniert” Wir haben die Idee sozusagen gemeinsam entwickelt. Von Seiten der Werkstatt-Arbeiter kamen dann manchmal zuerst auch Kommentare wie: “Was soll denn das? Das geht ja überhaupt nicht.”

Wer waren Ihre Ansprechpartner? Die ersten waren immer die Werkstattleiter, weil die am besten einschätzen konnten, was mit der vorhandenen Technik machbar ist und wer aus dem Team die Idee realisieren könnte. Einzelne Arbeiter dort hatten über einen längeren Zeitraum Fähigkeiten erlernt und es war für sie gar nicht so einfach, Dinge plötzlich anders zu machen. Das darf man bei der Arbeit mit Behinderten nicht unterschätzen.

Wie sind Sie mit dieser Situation umgegangen? Mit Kontinuität: Immer wieder kommen, überlegen und zusammen besprechen: “Was ist eigentlich das Problem? Kann ich eine Hilfe bauen, mit der Du das Produkt einspannen und führen kannst?” Es war eine sehr enge Zusammenarbeit

Wie war das Projekt in der Universität verankert? Das Projekt war Teil meines Studiums und als Studiumsprojekt anerkannt, hat aber nie an der Universität als solches stattgefunden. Initiiert und betreut wurde es von dem Büro Vogt und Weizenegger, das dafür einen Lehrauftrag von der Universität bekommen hat.

Wie ist man mit den Nutzungsrechten der Entwürfe verfahren? Es wurde von vornherein festgelegt, dass wir entsprechende Lizenzverträge bekommen würden.

Ich habe ein Gespräch mit dem Werkstättenleiter der DIM Bürsterei geführt, der mir erzählt hat, dass die Produktion der Flechterei-Produkte der Reihe Wicker Games eingestellt wurde. Er nannte neben Schwierigkeiten im Vertrieb als Grund, dass sie in der Herstellung zu komplex waren. Wie schätzen Sie das ein?

Für die „Wicker Games“ habe ich nicht vor Ort gearbeitet, im Gegensatz zu dem DIM Projekt. Es führte sicherlich dazu, dass wir uns weniger mit den Produzierenden abstimmen konnten. Zusätzlich ist bei den Flechterei-Produkten problematisch, dass diese immer auf freien Formen basiert und daher sehr viel mehr Anspruch an die Fähigkeiten der Arbeiter stellen. Neue Ideen für Bürsten sind im Vergleich dazu einfach herzustellen und daher dankbar. Die Blinden haben ein – dann nur anders geformtes Stück Holz — und ziehen die Borsten dort ein. Das ist wesentlich besser zu kontrollieren.

Zudem muss man berücksichtigen, dass die Werkstätten damals noch städtisch waren. Der damalige Leiter der Blindenanstalt war sehr kooperativ und auch bereit, etwas zu riskieren. Seitdem der freie Träger USE die Werkstätten übernommen hat, funktioniert die Schnittstelle nicht mehr so gut. Vogt & Weizenegger hat bis zum Schluss noch in kommunikativen Aspekten beraten. Aber das machen sie meines Wissens nun auch nicht mehr. Ich weiß nicht, ob Sie den visuellen Auftritt der Blindenanstalt von damals kennen. Dieser war auf einem hohen Niveau. Wir sind ja mit der ersten Kollektion, ich glaube 1998, sogar auf die Ambiente gegangen, Von dort aus wurden die DIM Produkte in die ganze Welt verkauft. Die Verpackung und auch die Kommunikationsmittel waren einfach, aber sehr stringent. Das wird heute leider nicht mehr so gemacht.

Sie haben mir zwei sehr unterschiedliche Konzepte für das Initiieren von Kooperationen vorgestellt. Wenn wir diese nun gegenüberstellen, wie sind sie zu bewerten? Das hängt stark von der Zielsetzung ab. Das DIM-Projekt bewegte sich in einem geschlossenen und vordefinierten Rahmen. Die Produkte waren viel näher an der Produktion und hatten einen starken manufakturellen Charme, da wir ja vor Ort gearbeitet haben. Die Produkte haben zusammen eine Kollektion gebildet. Denn es wurde auf die gemeinsame Fragestellung fokussiert: “Was kann ich mit den vorhandenen Ressourcen – dem Material und der Technologie dieser bestimmten Organisation machen?”
Das Projekt Design Reaktor Berlin definiert sich dagegen stärker über Prozesse, die den Beteiligten eine Hilfestellung bieten sollen, sich kennenzulernen, auszutauschen und gemeinsam an Erfahrung zu lernen. Das Ergebnis kann dabei auch abstrakter Natur sein, wie beispielsweise Potentiale entdecken oder Netzwerke bilden. Die Produkte haben nicht unbedingt etwas miteinander zu tun. Man kann auch nicht immer direkt nachvollziehen, aus welcher Werkstatt sie kommen. Die Zielsetzung dort orientierte sich an langfristigeren Aspekten: Prozesse für Kooperationen und Netzwerke zu initiieren und zu erproben. Die Produkte sind hier auch als Vehikel anzusehen, um diese Prozess anzustoßen.

Danke für das Gespräch!

Externe Links: (in der Reihenfolge, des Erscheinens)
Universität der Künste, Berlin – Dort fanden Studienprojekte wie die imaginäre Manufaktur und der Design Reaktor Berlin statt
Imaginären Manufaktur – Werkstätte für Behinderte mit Design Produkten
Design Reaktor Berlin – Projekt der UdK
Video über ein Interview mit Judith Seng – durch Labor für Design Reaktor Berlin zu dem Projekt der UdK, um kleine und mittelständisch Unternehmen mit Designern zusammen zu bringen
Studiengang Systemdesign – an der Kunsthochschule Kassel
Anta Leuchten – Unternehmen, dass einen Lampenentwurf heute vertreibt, der im Rahmen des “Design Reaktor” Projekts entstanden ist
Vogt und Weizenegger – ehemals ein Gestaltungsbüro für Designobjekte u. a. Initiatoren der Imaginäre Manufaktur
Wicker Games – Zeitungsartikel von Designboom über Wicker Games
Ambiente und Tendence – Messen für Konsumgüter in Frankfurt


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