Die Werksktätte Pfennigparade leistet eine große Bandbreite wie Aufträge von Privatpersonen, Produktion und Vertrieb der Zaunkinder, eine Reihe von handwerklichen eigenen Produkten bis hin zur Entwicklung des beheizbaren Fußsackes „novosan“ für Rollstuhlfahrer.
Fakten
Gesprächspartner: Markus Mair
Ort: München
Berufliche Stationen: seit 1996 in der Pfennigparade Schreinermeister und verantwortlich als Fachbereichsleiter für das Handwerk. Zu diesem Bereich gehört die Stuhlflechterei, die Schreinerei, die Keramik und der Textilbereich, davor 4 Jahre in einer Schreinerei
Website der Organisation:
www.pfennigparade.de
www.zaunkinder.de
www.novosan.info
Beschäftigte: 468 davon 360 behinderte Menschen und 108 Fachpersonal
Rahmenbedinungen: Persönliches Interview in der Werkstatt; Dauer: 56min; Wortanzahl des bearbeiteten Interviewtextes: 1838 Worte
Im Gespräch
Was ist der Leistungsschwerpunkt Ihrer Werkstatt?
Wir machen Einzelanfertigung und Reparaturen für private Haushalte, die für eine normale Schreinerei uninteressant sind, weil sie entweder zu klein oder einfach nicht bezahlbar sind. In der Flechterei reparieren wir Stühle. Dann stellen wir auch ein paar wenige eigene Produkte her. Außer der Linie haben wir noch die “Zaunkinder”. Nicht in unseren Werkstätten produziert, aber von uns mit einer anderen Firma zusammen entwickelt, vertreiben wir jetzt neu den beheizbaren Fußsack “novosan” für Rollstühle.
Ich hatte Gespräche mit Werkstätten, die die Wirtschaftskrise thematisiert haben. Wie geht es Ihnen damit Es ist unser großes Glück, dass wir nicht in der Massenfertigung tätig sind – wie viele Werkstätten, die die Autoindustrie beliefern. Den Leuten geht es noch relative gut, sodass sie sich den Luxus leisten, einen Stuhl flechten zu lassen. Sollte es den Leuten schlechter gehen, wird der Stuhl eben nicht mehr hergerichtet, auch wenn er von der Oma oder dem Opa ist. Sie können ein Holzbrett auf den defekten Stuhl legen. Das funktioniert auch.
Wie werden Ihre Kunden auf Sie aufmerksam? Viele über Messen wie die Heim und Handwerk, die Werkstättenmesse oder dem Tollwood Festival. Wobei wir das jetzt ziemlich eingestellt haben. Es ist ein riesiger Aufwand und kostet viel. Wir versuchen eher die Leute mit unserem “Tag der offenen Tür” ins Haus zu bekommen. Dieser Tag findet zwei Mal im Jahr statt – mit einem Frühlings- und Weihnachtsmarkt. Wir verschicken ein Mailing, in denen wir unsere Kunden einladen. Das ist günstiger und auch weniger Aufwand. Außerdem habe ich den Eindruck, dass wenn die Leute hier sehen, was unsere Beschäftigen alles leisten, sie beginnen mit einem anderen Bewusstsein zu kaufen – weniger aus Mitleid sondern mehr aus Respekt.
Wie abwechslungsreich und fordernd ist die Arbeit für Ihre Beschäftigten? Es kommt dabei immer auf die jeweiligen Arbeitsgruppen an. Beispielsweise ist die Arbeit in der Flechterei nicht abwechslungsreich, dürfte sie – mit in erster Linie Schädelhirntrauma Geschädigten – dort aber auch gar nicht sein. Diese Leute sind froh darüber. Sie kennen ihre 5 Arbeitsschritte. Mit zu vielen Änderungen überansprucht man sie und infolgedessen steigen sie komplett aus. In der Schreinerei nehmen wir die fitteren Leute mit auf die Montage zum Lackieren oder Zwischenschleifen. Das machen die teilweise sehr gerne. Wir mussten kürzlich für die BUGA über 1000 Bretter zuschneiden, da ist es schon effektiver, wenn Dir jemand beim Zureichen hilft.
Sie haben mit den “Zaunkindern” ein prägnantes Produkt. Wie hat sich diese Idee entwickelt?
Frau Amann war im Mutterschutz und hat für sich angefangen die Zaunkinder zu malen. Sie hat alles selber gemacht – vom Ausschneiden der Fichtenbretter bis hin zum Malen. Als es ihr dann irgendwann zu viel geworden ist, hat sie uns gefragt, ob wir das nicht übernehmen wollen. Anfänglich haben wir dafür auch Fichte verwendet. Aber immer war da ein Astloch drin, wo man es nicht wollte, so dass wir bald auf Plattenwerkstoff umgestiegen sind. Das Holz verzieht sich nicht und die Qualität ist gleichmäßiger. Irgendwann hat uns Frau Amann gebeten, die Grundierung zu übernehmen. Als sie wieder zum Arbeiten anfing, hat sie uns gefragt, ob wir ihre Zaunkinder ganz übernehmen. Das haben wir dann auch gerne gemacht.
Haben Sie neue Typen dazu entwickelt? Ja, wir haben uns neue Tiere wie den Igel überlegt und den Stil auf Kindergarderoben übertragen. Wir sind langsam daran gewachsen und haben nun auch eine Qualität erreicht, mit der wir zufrieden sind.
Wie viel Kapazitäten bindet heute die Herstellung dieser Produkt-Reihe? Wir haben hier eine Gruppe mit 7 und in Trudering mit 5 Malern. Und wenn Sie sich vorstellen, dass die Herstellung eines Zaunkindes ca. 2 bis 3 Tage dauert, kommt da schon einiges zusammen.
Was sind Ihre Vertriebswege? Wir haben eine Internetseite, die wir von Frau Amann übernommen und für unsere Bedürfnisse umgebaut haben. Derzeit bekommen wir 5 Bestellungen pro Woche übers Internet. Es wurde einmalig Pressearbeit dafür gemacht, indem wir Preise für ein Preisausschreiben zur Verfügung gestellt haben. Das war interessant. Zusätzlich sind wir in einem Dritte-Weltladen in Olching vertreten und haben einen Kindergarten, der jedes Jahr bestellt. Die Arbeit geht uns nicht aus. Man könnte sicherlich auch mehr machen, aber wer soll die ganzen Anfragen erledigen? Uns gehen dann auch schnell die ganzen Leute aus.
Auf der Werkstätten Messe haben Sie den beheizbaren Fußsack “novosan” vorgestellt. Wie sind Sie zu dieser Produktidee gekommen? Unser Nachbar ist auf uns zu gekommen und meinte, ob wir nicht was für unsere Rollstuhlfahrer machen wollen. Er kenne eine Firma, die ein Material entwickelt hat, was beheizbar wäre. Die Firma Zimmermann ist ein Zulieferer der Autoindustrie. Es war ein lustiges Zusammenführen, bis wir alle unter einen Hut gebracht haben.
Können Sie mir den Prozess dieser Produkt-Entwicklung beschreiben? Wir haben einen Arbeitskreis mit zwei von unseren Rollstuhlfahrer gegründet, damit wir richtig auf die Bedürfnisse eingehen konnten. Meine Frau hat einfach Mal die ersten Fußsäcke genäht, die ich dann in die Arbeit gebracht habe. Ich habe gesagt: “Probiert ihn Mal, wo muss er breiter oder schmäler werden.” Schritt um Schritt sind sie draufgekommen, dass es am besten wäre, ihn mit Schuhen besteigen zu können oder Taschen für Schlüssel, Geldtasche und Akku zu haben. An die Reflektoren hatten wir hohe Ansprüche. Sie sollten in der Nacht leuchten. Wir haben uns auch verschiedene Rollstühle angeschaut und daraufhin den Stofflappen über den Schos hinaus verlängert. Wir haben einen Prototyp gebaut, der weiter getestet wurde. So ist der Fußsack langsam entstanden. Für die Herstellung habe ich die Schnitte gemacht. Von einem Schneidermeister habe ich diese anschauen lassen, damit man in Serie arbeiten konnte. Zum Glück haben wir dieser Schneidermeister sehr hilfsbereit und hat uns sehr unterstützt. Den elektronischen Part hat die Firma Zimmermann übernommen. Mit denen arbeiten wir immer noch im Rahmen der Produktion zusammen.
Wie wird der Fußsack jetzt vertrieben? Der Vertrieb läuft über die Pfennigparade. Da haben wir Leute, die Kaltakquise betreiben. Außerdem war ich damit bei der Werkstätten Messe, auf der ich etliche Kontakte herstellen konnte. Darüber hinaus haben wir entsprechende Prospekte hier im Haus erstellt und betreiben eine eigene Internet-Seite. Auch haben wir mittlerweile mehrere Sanitätshäuser als Händler.
Kleiner Hinweis
Ich plane in der Reihe Designbeispiele einen Artikel “Design, das die Welt bessert” mit einer Sammlung ähnlicher Produkte für Benachteiligte.
Zur Übersicht der Artikel Reihe: Designbeispiele.
Ein Designbeispiel dieser Kategorie habe ich bereits mit stove Chulha vorgestellt.
Zum Artikel smoky kitchens — Cooking stove Chulha wins the INDEX:Award
Ich war vor unserem Gespräch in Ihrem Werkstatt-Laden. Dort verkaufen Sie Ihre selbst entwickelten und produzierten Produkte, aber auch Produkte von Werkstätten wie fairwerk , die Designer für die Produkt-Entwicklung beschäftigen. Kommt diese Arbeitsweise für Sie nicht in Frage? Wir haben momentan keine Kooperation mit Designern, weil wir wenige eigene Produkte haben. Wir arbeiten mehr nach Kundenwunsch. Die Frage für mich ist auch, welche Designer stellen sich überhaupt in den Dienst einer Werkstatt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es davon viele gibt. Wir können uns Designer gar nicht leisten und haben auch nicht die Infrastruktur dafür. Wenn ich mir die Werkstätten von side-by-side anschaue, die haben riesengroße Schreinereien hinter sich. Hinzu kommt, dass wir in Bezug auf unsere Außenwirksamkeit ja bei Null anfangen müssten. Es würde Jahre dauern, das muss man sich auch erst Mal leisten können.

Sie könnten auch mit einer Hoch- bzw. Fachhochschule kooperieren wie die Imaginäre Manufaktur in Berlin. Haben Sie diese Möglichkeit intern schon diskutiert?
Ja, wir haben es in Hinblick auf eine Verpackungslinie versucht. Wir haben sehr hochwertige Seidentücher, Bilder in allen Größen, handgezogene Kerzen etc. Diese wollten wir gerne schön verpacken. Durch die Verpackung soll sich das Produkt besser stapeln lassen und dem Kunden Wertigkeit vermitteln. Sie soll multifunktional einsetzbar sein – für Kerzen, aber auch für andere Produkte.
Wir haben versucht mit einer Hochschule in München zusammenzukommen. Die wären auch bereit gewesen und hatten vorgeschlagen, dass ihre Studenten ihre Abschlussarbeit bei uns absolvieren. Weil wir aber sehr viel umstrukturiert haben, hatten wir für den Studenten noch keinen Ansprechpartner, der ihn permanent hätte begleiten können. Es macht natürlich keinen Sinn, wenn da ein Diplomand bei uns seine Arbeit schreiben möchte und wir ihm gar nicht alles bieten können, was er dafür benötigt – sodass er womöglich eine schlechte Note bekommt.
Im Rahmen einer solchen Kooperation könnten Produkte entwickelt werden. Welche von Ihren Abteilungen wäre dafür am besten geeignet? Wir haben Stuhlgeflecht, Schreinerei, Keramik, Kerzenzieherei, Textil und Seidenmalerei. Stuhlgeflecht fällt weg, weil man da nichts gestalten kann. In den anderen Bereichen hängt es sicherlich von den Gruppenleitern ab, wie kooperativ sie sind. In meinen Augen, wäre es im Grunde überall vorstellbar. Wenn dieser Prozess etwas begleitet werden würde, damit die Gruppenleiter wissen, was auf sie zu kommt, kann ich mir nicht vorstellen, dass sich jemand dagegen wehrt. Man dürfte denen eben nicht einfach den Hut drüber setzen. Ich weiß nicht, wie das genau mit Designern abläuft. Wahrscheinlich wird es an einem Wochenende einen Workshop geben, wo man sich gegenseitig austauschen kann. Eventuelle Bedenken der Gruppenleiter könnten gleich verarbeitet werden. So könnte auch geklärt werden, was alles geht und was nicht. Unter diesen Rahmenbedingungen wäre sicherlich jeder Gruppenleiter für eine solche Hilfe offen, weil ansonsten jeder so einfach vor sich hin wurschtelt. Die Geschäftsführung wäre sicherlich daran interessiert, dass die Kosten nicht zu hoch sind. Und letztlich müssten die Gruppenleiter von den Produkten überzeugt sein, denn nur so kann man auch motiviert und engagiert sein.
Haben bei Ihnen in der Werkstatt schon einmal zeitweise Mitarbeiter aus Unternehmen mitgeholfen? Wir haben jedes Jahr bei uns sogenannte “Switcher”, die kommen von Großunternehmen wie Microsoft, Siemens, Philipp Morris oder der Stadt München und arbeiten eine Woche mit. Wenn Sie jetzt fragen, ob uns das was bringt, kann ich Ihnen das gar nicht richtig beantworten. Mehraufwand ist das für uns nicht. Der unterhält sich mit unseren Leuten und packt ein bisschen beim Arbeiten an. Wenn sich darüber hinaus etwas für andere Bereiche, wie unsere Datenverarbeitung entwickelt, bekomme ich das nicht mit. Genauso wenig, wenn wir in seinem Bekanntenkreis weiterempfohlen werden. Die Manager sind auf jeden Fall recht zufrieden und glücklich. Es scheint so, als ob sie dabei geerdet werden.
Könnten Sie sich vorstellen “Switcher” (Anmerkung: auch corporate volunteering) aus dem Design-Sektor zu gewinnen, damit sich daraus vielleicht eine längerfristige Kooperation entwickelt? Was alles möglich wäre, da denken wir wahrscheinlich an vieles gar nicht. Es stellt sich natürlich das Problem, den Kontakt zu den richtigen Stellen aufzubauen, die für so etwas offen sind. Da bräuchte ich als Schreinermeister schon eine starke Durchsetzungskraft, um nicht gleich beim Pförtner abzublitzen und ich bräuchte viel Zeit. Ich könnte das nicht. Wenn da eine Art Mittelmann von außen sagt: “Mensch ich habe da jemanden, hättet Ihr nicht Lust mit denen Mal zusammenzuarbeiten.”, so wie für “novosan”, würde uns das vieles erleichtern. Für die Gespräche nach der Kontaktaufnahme wäre ein Moderator, um alles zum Laufen zu bekommen, nicht schlecht. Wissen Sie, ich bin zu sehr Handwerker und Design ist nicht meine Welt. Designer haben sicherlich ganz andere Ideen oder Visionen, die mir nicht einfallen würden, weil ich so gar nicht denke.
Danke für das Gespräch!
Externe Links (in der Reihenfolge, des Erscheinens)
Heim und Handwerk – Messe für Bauen, Einrichten und Wohnen in München
Werkstättenmesse – Messe für Behinderten Werkstätten in Nürnberg
Tollwood – Kulturfestival mit einem großen Markt für Kunsthandwerk
Eintrag in Wikepedia – Stichwort: Schädelhirntrauma
side-by-side, fairwerk und Imaginäre Manufaktur – Werkstätten mit Design Produkten
Hier gehts zur Übersicht der aktuellen Artikel
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